Susanne Thiemann

Zu den Arbeiten von Susanne Thiemann
Susanne Thiemanns Arbeiten werden häufig als Kokons bezeichnet; in der Natur wird mit dem Gehäuse junges Leben geschützt – ein Pendant im Alter findet sich nicht mehr, vielleicht ist es eher die radikale Offenheit, die dann zum Schlüssel wird oder der Schutz der Gemeinschaft, der in dieser Lebensphase hoffentlich erreicht wird. Verletzlichkeit ist jedenfalls eines der Themen, die man mal subtil, mal radikal immer wieder in Susanne Thiemanns Arbeiten sehen kann. Ihre Arbeiten thematisieren den Entstehungsprozess, zeigen Säume und Nähte und entmystifizieren, wie sie gewachsen sind, in ehrlicher Absicht zu zeigen, dass Verletzlichkeit auch neue Erfahrungen erlaubt. Ihre Skulpturen bilden Gefäße ihrer Erfahrungen: das Nachdenken über die zyklische Natur allen Lebens; das Weben von Bahn um Bahn gleicht einer Meditation über ihre Erfahrungen zu Ordnung und Chaos sowie Regeln und Freiheit. Trotz ihrer vermeintlichen Abstraktion sind die Objekte auch biografisch und inhaltlich zu lesen: anfangs noch vermehrt gegenständliche Objekte beginnt die Künstlerin immer stärker ins Organische zu gehen. Das körperliche sucht sich seinen Weg durch das industrielle Material.

Zyklisches Leben
Die Werke präsentieren sich liegend, verwurzelt, gerollt, Raum einnehmend, sich ausrichtend. Sie stehen im Kontext zum Raum und sollen in der Raummitte eine Art begehbares Nest bilden und dabei zum einen das zyklische in der Natur zeigen: der Ort des Lebens, das Nest oder der Kokon, und dazu einen Kontrast zum Altern aufmachen.
Vom suggerierten Schutzraum geht es in die Abstraktion der Arbeiten, die ihre Souveränität zelebrieren. Die stehenden Skulpturen erinnern an Pflanzen, die im Kontrast zur Strenge des Raumes, organisch wachsen und ihre Fäden wie Wurzeln zeigen (die Fäden können dabei unterschiedlich angeordnet werden und sich am Raum und den Gegebenheiten ausrichten). Das Organische findet seine Form und den Weg und ist so vielleicht die Essenz einer Lebenslehre.
Die schwarzen Arbeiten aus Autoreifen bilden ein anderes Extrem, sie verkörpern Themen von Tod, Vergänglichkeit, Gewalt. Reifen bestehen aus einem Materialgemisch von organischem Kautschuk und synthetischem Material, um robust zu sein und Kräfte auszuhalten – ein Verhältnis, das wir im Leben immer wieder neu für uns selbst definieren. Das Material wird zum Bedeutungsträger und die Form führt uns in das Narrativ ein.
Körperlichkeit und Zeitlichkeit
Alle Flechtarbeiten tragen Zeitlichkeit in sich, Bahn um Bahn sind sie im Dialog mit dem Material gewachsen. Dabei bekräftigen sie die Materialgerechtigkeit und die eigene Dynamik, die das jeweilige Material einfordert: wie sich das Material verhält, wie es über die Zeit einsinkt oder sich die Ausstülpungen je nach Material unberechenbar verhalten. “Das dreidimensionale Objekt erhält durch diesen Dialog eine Lebendigkeit und ist eng biografisch mit meinem Leben verbunden und dem Tanz zwischen Ordnung, Freiheit und Auflösung, der mit zunehmendem Alter kompromissloser und freier wurde.“
Materialität
Susanne Thiemanns Objekte bilden eine Brücke zwischen der Tradition des Handwerks und dem Zeugnis, dass Flechten eng mit der Menschheitsgeschichte und der Sesshaftigkeit des Menschen verbunden ist, und gehen dabei Moderne neue Wege. Immer wieder experimentiert sie mit industriell geprägten Materialien wie Kunststoffschläuchen oder zerschnittenen Autoreifen; überlagert dabei Geschichten zu organischen und industriellen Materialen; Handwerk und Massenanfertigung und geht dabei der Frage nach, wie Materialität neue Verflechtungen eingehen kann.
(Anabel Roque Rodriguez Kuratorin, Kunsthistorikerin)

www.susanne-thiemann.de

Susanne Thiemann Hang On (2023) Kunststoffgeflecht, Holz, Stahl, Expander 300 x 68 x 65cm  Foto Thomas Elsner
Hang On (2023)
Kunststoffgeflecht, Holz, Stahl, Expander 300 x 68 x 65cm
Foto Thomas Elsner
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